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Literaturprojekt "Nahaufnahmen"Im
Herbst 2001 startete die Fraueninitiative Berlin-Warschau mit dem Kujawsko-Pomorskie
Centrum Promocji Kobiet in Toruń (Zentrum zur Förderung
von Frauen) das Literaturprojekt "Nahaufnahmen". Weder während der Zeit
der Konferenz 2000, noch bei den Arbeitstreffen, beim gemeinsamen Feiern
oder in der Korrespondenz hatten beide Seiten ausreichend Gelegenheit
gehabt, viel aus dem Leben aller beteiligten Frauen zu erfahren.
"Du, wir fahren nach Polen und gucken mal, wie es jetzt da aussieht - bei euch in der Neumark und bei uns im Pommerschen". Das sagte meine Freundin im Frühjahr 1976. Ich war begeistert. Es wurde ein Abenteuer. Zunächst ein bürokratisches. Wir mussten ein Visum beantragen. Also: endlose Formulare ausfüllen, mindestens in dreifacher Ausführung, Fotos machen lassen. Und dann - warten, warten, warten... Wochen vergingen, endlich hatten wir das Dokument in der Hand. Es galt sogar für drei Monate. Wunderbar. Unsere Reise planten wir über Himmelfahrt. Wir
waren unterwegs, aber plötzlich fand ich den Weg nicht mehr. Bis
Vietz war alles klar, aber wie kam ich von dort nach Hause? Ich hatte
es vergessen. Wir
sitzen im Auto, bringen in Frankfurt/Oder glücklich die endlosen
Grenzformalitäten hinter uns und fahren nach Norden in Richtung Küstrin,
das jetzt Kostrzyn heisst, von da aus weiter auf der alten Reichsstraße
1 nach Vietz, heute Witnica. Das letzte mal war ich hier 1945 lang gefahren, auf meinem Ponywagen, mit dem Treck. Hier, an der Kurve, stand die SS und wollte uns nicht durchlassen. Wir durften nicht flüchten. Mein Großvater, der den ersten Wagen lenkte, stellte sich auf den Bock und rief den SS-Leuten zu: "Wenn Sie nicht weggehen, gebe ich den Pferden die Peitsche und überfahre Sie!" Mit Karacho bogen wir in die große Straße ein. Die Männer waren beiseite gesprungen. Sie hätten auch schießen können! Wir
fahren weiter. Hier war früher eine Kiesstraße, da hatte es
immer mächtig gestaubt, wenn ein Auto lang fuhr, was selten vorkam.
Jetzt ist die Straße geteert, aber den Sommerweg gibt es noch immer,
und auch der Wald ist noch genau so schön wie früher. Links
liegt der Dolgensee, an dem wir seinerzeit immer fast den ganzen Sommer
verbrachten, mit Reiten und Schwimmen und Picknicks und vielen Gästen.
Da - die uralte Eichenallee, wie malerisch liegt sie da. Rechts fangen
"unsere" Felder an, links, wo früher die große Koppel
war, ist jetzt eine Apfelplantage. Und das Otternloch: Wie gruselig ist
es doch immer gewesen, wenn wir hier mit unserer Mutter Waldhimbeeren
gepflückt haben. Jetzt sind wir schon fast am Ziel. Rechts müsste
die Schneidemühle kommen, aber die ist weg. Und dann sind wir wirklich
da. Links das Feuerwehrhaus für die Schläuche, aber dann fehlen
zwei Häuser, auch die Kastanien auf der Dorfstraße gibt es
nicht mehr. Die vermisse ich sehr.
..... Als Zwölfjährige habe ich den Sejm besucht, und eben dort, in diesem riesigen Saal, wurde ich mir dessen bewusst, dass ich als Polin Bewusstsein und Wissen über die eigene nationale Identität besitzen muss. Ich begann mich sehr intensiv für die Geschichte nicht nur unseres Landes, sondern des ganzen europäischen Kontinents zu interessieren. Schon damals fing ich an, die Menschen einzuteilen in jene, welche die Geschichte ihres Landes kannten - die schätzte ich sehr - und solche, die keine Ahnung davon hatten. Ich organisierte Aufklärungsaktionen auf diesem Gebiet, stets und ständig erinnerte ich meine Mitmenschen an unsere nationale Geschichte. Ich
suchte mir im humanistischen Lyzeum eine Klasse mit besonders vielen Geschichtsstunden
aus; las immer mehr historische Bücher, die mir klar machten, dass
zahlreiche Momente unserer Landesgeschichte überaus leidvoll waren.
Ich war mir aber bewusst, dass der einzelne Mensch sehr viel tun kann,
wenn er die Geschicke seines Heimatlandes kennt. |
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