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Literaturprojekt "Nahaufnahmen"

Im Herbst 2001 startete die Fraueninitiative Berlin-Warschau mit dem Kujawsko-Pomorskie Centrum Promocji Kobiet in Toruń (Zentrum zur Förderung von Frauen) das Literaturprojekt "Nahaufnahmen". Weder während der Zeit der Konferenz 2000, noch bei den Arbeitstreffen, beim gemeinsamen Feiern oder in der Korrespondenz hatten beide Seiten ausreichend Gelegenheit gehabt, viel aus dem Leben aller beteiligten Frauen zu erfahren.
So wollten wir mit dem Literaturprojekt eine ganz neue Art des Kennenlernens beginnen. Berliner und Thorner Frauen schreiben biografische Texte mit Blick auf das andere Land. Bei einem Treffen im Sommer 2002 stellten wir die Unterschiede der polnischen und deutschen Herangehensweise fest, die wir auch belassen möchten. Für uns Berlinerinnen ergeben sich Stichworte, wie: Warum die Beschäftigung mit Polen?, gesellschaftliches Engagement für Frauen, erste Begegnung mit Polen oder auch Kindheit in Polen. Für die Polinnen stehen der berufliche Werdegang, die persönliche Entwicklung, das Leben in Polen als Frau und ihr frauenpolitisches Engagement im Vordergrund.
Die Texte, in die jeweils andere Sprache übersetzt, werden in einem gemeinsamen Buch im Herbst/Winter 2003 veröffentlicht.


Zwei Lesekostproben:

Annema von Klitzing
Der Schlüssel - Wie ich von Charlottenhof nach Sosny kam

"Du, wir fahren nach Polen und gucken mal, wie es jetzt da aussieht - bei euch in der Neumark und bei uns im Pommerschen". Das sagte meine Freundin im Frühjahr 1976. Ich war begeistert. Es wurde ein Abenteuer. Zunächst ein bürokratisches. Wir mussten ein Visum beantragen. Also: endlose Formulare ausfüllen, mindestens in dreifacher Ausführung, Fotos machen lassen. Und dann - warten, warten, warten... Wochen vergingen, endlich hatten wir das Dokument in der Hand. Es galt sogar für drei Monate. Wunderbar. Unsere Reise planten wir über Himmelfahrt.

Wir waren unterwegs, aber plötzlich fand ich den Weg nicht mehr. Bis Vietz war alles klar, aber wie kam ich von dort nach Hause? Ich hatte es vergessen.
Warum? Wie konnte das passieren? So oft war ich den Weg doch gefahren, hatte selbständig mit dem Ponywagen Gäste von der Bahnstation abgeholt. Und ich musste doch Kristine den Weg zeigen... Ich war verzweifelt, blickte mich um. Und sah, dass ich in meinem Bett lag. Es war nur ein Traum.

Wir sitzen im Auto, bringen in Frankfurt/Oder glücklich die endlosen Grenzformalitäten hinter uns und fahren nach Norden in Richtung Küstrin, das jetzt Kostrzyn heisst, von da aus weiter auf der alten Reichsstraße 1 nach Vietz, heute Witnica.
In Vietz sieht alles noch fast so aus wie damals, auch von der Brauerei riecht es wie früher. Jetzt rechts die Kirche und hinter der Kurve geht es nach links ab, nach Charlottenhof, unserem Gut.

Das letzte mal war ich hier 1945 lang gefahren, auf meinem Ponywagen, mit dem Treck. Hier, an der Kurve, stand die SS und wollte uns nicht durchlassen. Wir durften nicht flüchten. Mein Großvater, der den ersten Wagen lenkte, stellte sich auf den Bock und rief den SS-Leuten zu: "Wenn Sie nicht weggehen, gebe ich den Pferden die Peitsche und überfahre Sie!" Mit Karacho bogen wir in die große Straße ein. Die Männer waren beiseite gesprungen. Sie hätten auch schießen können!

Wir fahren weiter. Hier war früher eine Kiesstraße, da hatte es immer mächtig gestaubt, wenn ein Auto lang fuhr, was selten vorkam. Jetzt ist die Straße geteert, aber den Sommerweg gibt es noch immer, und auch der Wald ist noch genau so schön wie früher. Links liegt der Dolgensee, an dem wir seinerzeit immer fast den ganzen Sommer verbrachten, mit Reiten und Schwimmen und Picknicks und vielen Gästen. Da - die uralte Eichenallee, wie malerisch liegt sie da. Rechts fangen "unsere" Felder an, links, wo früher die große Koppel war, ist jetzt eine Apfelplantage. Und das Otternloch: Wie gruselig ist es doch immer gewesen, wenn wir hier mit unserer Mutter Waldhimbeeren gepflückt haben. Jetzt sind wir schon fast am Ziel. Rechts müsste die Schneidemühle kommen, aber die ist weg. Und dann sind wir wirklich da. Links das Feuerwehrhaus für die Schläuche, aber dann fehlen zwei Häuser, auch die Kastanien auf der Dorfstraße gibt es nicht mehr. Die vermisse ich sehr.
Kristine hält an. .....


Edyta Bocianiak
Wie man sich bettet - oder Das Geheimnis des Farnkrauts

..... Als Zwölfjährige habe ich den Sejm besucht, und eben dort, in diesem riesigen Saal, wurde ich mir dessen bewusst, dass ich als Polin Bewusstsein und Wissen über die eigene nationale Identität besitzen muss. Ich begann mich sehr intensiv für die Geschichte nicht nur unseres Landes, sondern des ganzen europäischen Kontinents zu interessieren. Schon damals fing ich an, die Menschen einzuteilen in jene, welche die Geschichte ihres Landes kannten - die schätzte ich sehr - und solche, die keine Ahnung davon hatten. Ich organisierte Aufklärungsaktionen auf diesem Gebiet, stets und ständig erinnerte ich meine Mitmenschen an unsere nationale Geschichte.

Ich suchte mir im humanistischen Lyzeum eine Klasse mit besonders vielen Geschichtsstunden aus; las immer mehr historische Bücher, die mir klar machten, dass zahlreiche Momente unserer Landesgeschichte überaus leidvoll waren. Ich war mir aber bewusst, dass der einzelne Mensch sehr viel tun kann, wenn er die Geschicke seines Heimatlandes kennt.
Unser Geschichtslehrer im Lyzeum wiederholte ständig, dass wir viel lesen müssten, weil "die Sprache unsere Erwerbsquelle" sei. Immer stärker wurde in mir der Wunsch, dass ich Politikerin werden müsste. Die politische Karriere Napoleons faszinierte mich, ich las viele Biographien über ihn und alle von Waldemar Lysiak verfassten Bücher.
Die Jahre vergingen. Ich nahm ein Studium an der Nikolaus Kopernikus-Universität in Toruń
auf. Für die Stadt Toruń hatte ich mich entschieden, weil sie mir gefiel, hier hatte ich die Grundschule besucht und sehr gute Ergebnisse im Lehrstoff erzielt. Während Touristen und andere Leute in Toruń Ansichtskarten kauften, kaufte ich mir Literatur über die Geschichte der Stadt und der Ordensritter-Burg. Es war Liebe auf den ersten Blick. Schon damals hatte ich beschlossen, später auch hier zu studieren. So absolvierte ich an unserer Universität Jura und Soziologie.
Zwischendurch arbeitete ich für die lokalen Rundfunkanstalten. Als ich noch glaubte, Reporterin zu werden, nahm ich an zwei Kursen der Reuters-Presseagentur und der BBC teil. Das war noch in der Zeit, als mir alles unkompliziert erschien, als ich unbequeme Fragen stellte und von einem besseren Leben träumte. .....

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